Satire darf alles – wenn sie es nicht darf, ist es keine Satire

Satire, im alten Rom als eine scharf gewürzte Opfergabe an die Götter gedacht, darf alles, wie schon der begnadete Satiriker Kurt Tucholsky festgestellt hat. „Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.“ Als spezielles Genre der Literatur steht Satire in unserer Zeit rein rechtlich unter dem Kunstvorbehalt des Artikels 5 Absatz 3 des Grundgesetzes, in dem es heißt: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Satire ist also ein Grundrecht, zugleich ist sie Notwehr und Nothilfe, Waffe und Überdruckventil. Aber Satire darf nicht alles, wenn es keine Satire ist.

Wolfgang Bittner
Die Abschaffung der Demokratie
Broschur | 224 Seiten |€ 19,99 inkl. MwSt.
ISBN 978-3864891670
Westend Verlag

Es gibt Grenzfälle. Handelt es sich um Satire, wenn jemand wie der größenwahnsinnige türkische Staatspräsident Erdoğan in einem gedichtartigen Text unflätig und vulgär sexbezogen attackiert wird? Oder ist das nur die peinliche Darbietung eines spätpubertierenden Schmocks, eines Möchtegern-Satirikers? Die Frage verlangt genaugenommen keine Antwort, auch wenn darüber wochenlang diskutiert wurde und auf Grund einer Anzeige die Justiz damit beschäftigt ist.

Die Politik fordert Satire heraus, sie ist nicht erst seit heute derart fragwürdig, daß in vielen Fällen nur noch der Ausweg in Spott, Ironie, Sarkasmus und Hohn bleibt. Denn bei genauerem Hinsehen liegt der Schluß nicht allzu fern, daß uns in unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit die reale Idiotie umgibt. Nehmen wir die in letzter Zeit so intensiv betriebene Aufrüstung auf Kosten des Volksvermögens gegen einen fingierten Feind. Dachten nicht die meisten Mitmenschen um die Jahrtausendwende, solche Zeiten seien vorbei? Doch nicht wenige unserer Zeitgenossen scheinen als Couch-Potatoes nichts als ihr tägliches Tittitainment zu genießen, und die Medien unterstützen sie fleißig und beflissen dabei.

Hier wäre Satire mehr denn je gefordert. Aber wo sind der Ort und das Verständnis dafür? Statt dessen gibt es Comedy. Wie es bei uns – selbst bei einigen unserer „Literaturverwalter“ – um das Einfühlungsvermögen in die Satire im Tucholsky’schen Sinne steht, wurde mir schlagartig bewusst, nachdem ich 2002 meine Satire über die Wiedergeburt habgieriger Manager an eine große überregionale Tageszeitung geschickt hatte. Ich entwickele darin eine seltsam kuriose, allerdings nicht völlig absurde Reinkarnationstheorie, nach der moralisch fehlgeleitete Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in bestimmten, ihnen mit Sicherheit suspekten Lebensformen wiedergeboren werden, um ihre Sünden abzubüßen. Seinerzeit wurden Texte dieser Art wie auch Gedichte und Kurzgeschichten gelegentlich noch in den Feuilletons abgedruckt. Doch der für Literatur zuständige Chefredakteur schrieb mir zurück, daß er sich nicht entschließen könne, meinen Artikel zur Reinkarnationslehre zu veröffentlichen, ich möge mich doch an ein religiös orientiertes Blatt wenden.

Zum Satiriker wurde ich schon während meines Studiums der Rechtswissenschaft und mehr noch während meiner beruflichen Tätigkeit in der Justiz, die allerdings nur wenige Jahre andauerte. Nachdem ich feststellen mußte, daß sich zwischen meinem seit frühester Kindheit ausgeprägten Rechtsempfinden und der praktizierten Rechtsprechung ein Abgrund auftat, eine Diskrepanz, die mich zutiefst beleidigte, manchmal sogar erschütterte, war mein Ausweg aus diesem Jammertal bei klarem Verstand die Satire. Ich begann bissige Hohn- und Spotttexte zu schreiben, die ich später (1975 mit steigenden Auflagen) als Rechts-Sprüche – Texte zum Thema Justiz veröffentlichte – mein Überdruckventil und der Stein im Schuh so manches Juristen und Politikers.

Bedauerlicherweise haben sich dann einige meiner Satiren nach und nach bewahrheitet. Ich schrieb über die Vorbereitung einer Maut für die Benutzung privatisierter Straßen, über den qualitativen Absturz der Kinderliteratur oder die Einführung irgendwelcher absurder Steuern und Verpflichtungen – und es dauerte nur ein, zwei Jahrzehnte, dann waren diese Absurditäten im Gespräch, oder sie wurden sogar umgesetzt. Hin und wieder flog mich der Gedanke an, daß es tatsächlich Politiker und sonstige Glücksritter geben könnte, die meine Satiren lesen.

Als ich in den späten siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einer Bildungsstätte der Deutschen Bundespost vor Postbeamten und -angestellten eine Satire über die Privatisierung der Post vortrug, erntete ich schallendes Gelächter. Etwa fünfundzwanzig Jahre später war die Deutsche Post in Privathand überführt worden, und das Postlerheim gab es nicht mehr. Was geht da vor? fragte ich mich damals. Gibt es ein Sensorium für derartige Entwicklungen? Sind sie vorhersehbar, wenn man seine Antennen auf Empfang hält? Zudem unabweisbar die Fragen:

Wozu Satire? Läßt sich mit Satire überhaupt etwas ändern? Wer Satire liest und versteht, weiß doch sowieso schon Bescheid. Aber bisweilen dachte ich dann, daß manche dieser Texte, die schließlich auch einen unterhaltenden Charakter haben, diesen und jene, wenn schon nicht aufrütteln, so doch wenigstens amüsieren oder bestätigen könnten. Und eine positive Seite hat die Satire auf jeden Fall, nämlich für den Satiriker: Er läßt den Dampf ab, der gefährlich angestiegen ist, und danach geht es ihm besser. Ist das etwa nichts?

Wolfgang Bittner
lebt als Schriftsteller in Göttingen. Der promovierte Jurist hat über sechzig Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder veröffentlicht, darunter das vielbeachtete Buch »Die Eroberung Europas durch die USA«


»Die Satire […] kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.«
Kurt Tucholsky