Annäherung an einen Helden unserer Zeit

Der sowjetische Offizier Stanislaw Petrow bewahrte 1983 die Welt vor einem Atomkrieg. Er interpretierte einen Alarm richtig – als Computerfehler statt als anfliegende US-Rakete. // von Ingeborg Jacobs

„Kennen Sie den Mann, der die Welt rettete?“ fragte mich Lothar Rudolf, Gründer der Initiative „Respekt! Kein Platz für Rassismus“, im Herbst 2014 auf der Buchmesse in Frankfurt. „Ein Russe ist das …“ Und ich mußte zugeben, daß ich zwar die Geschichte, nicht aber den Mann kannte. „Sie und ich, wir alle, die wir vor 1983 geboren wurden, müssen ihm ewig dankbar sein. Jedes Jahr sollten wir an dem Tag, an dem das passiert ist, unseren Geburtstag feiern“, bekam ich zur Antwort. „Versuchen Sie doch einmal, einen Kontakt herzustellen, diesen Mann müßte man doch grade jetzt, wo in der Ostukraine Krieg herrscht und unser Rußlandbild zerstört ist, nach Deutschland einladen. Er müßte in Schule und Universitäten sprechen, erzählen, wie er 1983 einen Atomkrieg abgewendet hat, obwohl das sowjetische Computersystem einen Angriff amerikanischer Raketen meldete.“

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow, so der Name des Mannes, der die Welt rettete, war schnell gefunden. Ebenso seine Anschrift in Rußland. Mit der Telephonnummer war es schwieriger, die erfuhr ich von Karl Schumacher, der, so dachte ich, Stanislaws Interessen in Deutschland vertrat. Karl Schumacher – der ein Bestattungsunternehmen im Ruhrgebiet leitet – erzählte, daß er selbst von Petrows Geschichte aus der auflagenstärksten deutschen Tageszeitung erfahren hatte. Der Titel „Verarmt und traurig“ hatte ihn angesprochen, mehr aber noch die Geschichte. Karl Schumacher hatte sich jahrelang von den Atomraketen auf beiden Seiten bedroht gefühlt. Und nun erfuhr er, die Angst, die er damals verspürte, war wohlbegründet.

„In den 1980er Jahren gab es die Gutehoffnungshütte, einen großen Stahlproduzenten und Anlagenbauer, noch“, erklärte er mir am Telephon. „Unser Haus stand keine fünfhundert Meter entfernt von diesem Industriegelände. Wir waren uns sicher, das Ruhrgebiet und die Hütte gehörten zu den Zielen der sowjetischen Raketen. Hätte Stanislaw Petrow einen Fehler gemacht, so hätte dies das Ende für meine Familie und mich bedeutet.“

Im Spätherbst 1998 fuhr Karl Schumacher auf gut Glück mit einem Freund nach Frjasino, einer Stadt nordöstlich von Moskau. Dort lebt Petrow seit Mitte der 1980er Jahre.

„Ich wollte etwas für den Mann tun, der uns das Leben gerettet hatte, der Meinung war ich damals und bin ich heute noch. Und ich wollte ihn natürlich kennenlernen, neugierig bin ich nämlich auch. Wir sind einfach von Moskau aus mit dem Taxi zu ihm gefahren, denn wir hatten gehofft, daß Stanislaw bei der Kälte, die an dem Tag herrschte, zu Hause sein würde“, erzählte Schumacher.

„Und so war es dann auch. Zwei Stunden haben wir uns mit ihm in seiner kleinen Küche unterhalten, er kann ja ein wenig Englisch, mein Bekannter ebensoviel Russisch. Mit drei Sprachen, Händen und Füßen ging es dann. Bevor wir uns verabschiedeten, haben wir ihn nach Deutschland eingeladen. Er hat sofort zugesagt, ich glaube, er freute sich, aber gleichzeitig hatte er auch ein wenig Angst, daß er immer noch als Geheimnisträger gelten könnte und deshalb vielleicht nicht in den Westen reisen dürfte.“

Das Geld für das Visum und die Reise ließen die beiden Deutschen ihm da. „Vierzehn Tage ist er dann bei mir gewesen. Grüßen Sie Petrow von mir. Ich hoffe, es geht ihm gut, er ist ja nicht mehr der Jüngste. Und sagen Sie ihm, er soll mal auf meine Mails antworten!“

Wie die meisten meiner Generation erinnere ich mich gut an meine damalige Angst vor einem Atomkrieg, die Freunde und Bekannte gleichermaßen erfaßt hatte. Selbst die, die sich nicht hatten davon abhalten lassen, zur Bundeswehr zu gehen, und nun bei NATO-Alarm die Kaserne nicht verlassen durften. Vielleicht gerade sie. Ich erinnere mich an die großen Friedensdemonstrationen 1981 und 1983 im Bonner Hofgarten, an Willy Brandt, Heinrich Böll, Gert Bastian und Petra Kelly, die – in meiner Erinnerung – die Abschaffung der Atomwaffen in West und Ost forderten. An die Nachbarn, die mich, als ich naiv erzählte, Russisch lernen zu wollen, aufforderten, doch „nach drüben“ zu gehen. Und daran, wie ich vor einem der Kölner Kinos auf meine Freundinnen wartete, die den Film The Day After – Der Tag danach ansahen. Lange vor dem Ende des Films war ich weinend hinausgestürmt. Anschließend diskutierten wir heftig darüber, ob man in diese von der totalen Auslöschung bedrohte, wahnsinnige Welt noch Kinder setzen konnte. Was sollte man ihnen antworten, falls sie an einem Tag X die Frage stellten: „Warum habt ihr dieses Inferno nicht verhindert? Wenn ihr doch wußtet, was Atomkrieg bedeutet und wie gefährlich das atomare Wettrüsten ist?“

Das Jahr 1983 und die damaligen Diskussionen über Atomwaffen gerieten mit den erfolgreichen Abrüstungsverhandlungen Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre schnell in Vergessenheit. Der Eiserne Vorhang war zerrissen, mit dem Ende des Kalten Krieges hatte eine neue Zeitrechnung angefangen. In Rußland fand ich gute Freunde, wurde auf meinen Reisen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion stets mit offenen Armen empfangen. Manches Mal war dies für mich als Tochter eines ehemaligen Wehrmachtsangehörigen beschämend. Insbesondere in Wolgograd, das bis 1961 Stalingrad hieß. Aber auch in den anderen von der Wehrmacht besetzten, verwüsteten, ausgehungerten Städten und Gebieten der früheren Sowjetunion.

Woher nahmen die Russen ihre Großherzigkeit? In den Niederlanden und in Frankreich hatte ich als Jugendliche und junge Erwachsene Ablehnung erlebt. In der Bretagne waren in den 1970er Jahren sogar einmal, als man mich als Deutsche erkannte, Steine geflogen.

Das angstbesetzte Wort „Atomkrieg“ löste nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion keine Albräume mehr aus, es verschwand peu à peu vollständig aus meiner Vorstellung und meinem Vokabular. Und bei „Atomwaffen“ dachte ich an Hiroshima und Nagasaki, schreckliche Ereignisse am anderen Ende der Welt, in einer weit zurückliegenden Vergangenheit. Sie drangen nur einmal, allerdings sehr intensiv, unauslöschlich in meine Gegenwart. Vor genau zwanzig Jahren, 1995, bei einem Dokumentarfilmfestival in Japan. Da stand ich vor Mauerresten, auf denen sich menschliche Umrisse abzeichneten. Sprach mit Überlebenden des Atombombenabwurfs über Nagasaki, mit Strahlenopfern. In Japan nennt man sie Hibakusha.

Erst im vergangenen Jahr tauchte mit den blutigen Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine und der erneuten verbalen Konfrontation von Ost und West das totgeglaubte Angstwort „Atomkrieg“ wieder auf. Zuerst nachdem in der russischen Presse mehrfach von Atomwaffen die Rede gewesen war, später in den Gesprächen mit meinen Freunden in Wolgograd. Seitdem ist ein Atomkrieg aus überzogener Alarmbereitschaft, wegen eines Fehlers oder geplant durch Terroristen wieder zu einer ernstzunehmenden Bedrohung geworden.

Ingeborg Jacobs
Der Mann, der den Atomkrieg verhinderte
Herausgegeben im Westend Verlag GmbH
Exklusiv bei www.antiidiotikum.de


Ingeborg Jacobs
ist Autorin und Filmemacherin


Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow
Weltretter.
Geboren am 7. September 1939
Gestorben am 19. Mai 2017


»Ich erinnere mich daran, wie ich vor einem der Kölner Kinos auf meine Freundinnen wartete, die den Film ›The Day After – Der Tag danach‹ ansahen. Lange vor dem Ende des Films war ich weinend hinausgestürmt.«
Ingeborg Jacobs