Antiidiotikum Almanach 2017 - page 8

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Antiidiotikum
MANIFEST WIDER DEN ALLTÄGLICHEN IRRSINN
Manifest
Antiidiotikum – Ein Manifest z
geschriebenen und gesproche
selbstverschuldete Dummheit
Warum ein Buch?
Wenn Sie diese Zeilen lesen, halten Sie die erste Ausgabe
unseres Antiidiotikum-Almanachs in den Händen. Denken Sie einen
kurzen Moment einmal darüber nach, was das genau bedeutet: Sie
greifen mit Ihren Fingern das Buch, fühlen Seiten und Umschlag,
blättern vor und zurück. Ihre Augen bleiben an der einen oder
anderen Zeichnung oder Überschrift hängen. Dann widmen Sie sich
der Lektüre, lesen Wort für Wort, folgen den Gedanken des Autors,
lachen über eine gelungene Satire oder grübeln über ein schwie-
riges Argument. Sie stimmen innerlich zu oder widersprechen dem
Autor. Sie überlegen, wo Sie ähnliches schon einmal gelesen haben,
oder fischen aus Ihrem Gedächtnis eigene Gedanken, Fakten,
Meinungen zu dem Thema. Sie lesen einen Text vielleicht sogar
zweimal, aus Vergnügen oder um noch intensiver den Gedanken-
gang des Verfassers nachzuverfolgen. Vielleicht lesen Sie jeman-
dem sogar den einen oder anderen gelungenen Satz oder Scherz
laut vor. Was geschieht, ist eine komplexe Interaktion zwischen
Hand, Auge, Bewußtsein, Gedächtnis auf der einen Seite und den
Worten, Bildern, Ideen auf der anderen Seite.
Dieser Vorgang der Lektüre ist für uns selbstverständlich – doch
das war nicht immer so. Im Mittelalter etwa gab es nicht so viele
Bücher, nur wenige konnten lesen, und selbst diejenigen, die es
konnten, taten sich oft schwer damit: Sie lasen Buchstaben für Buch-
staben laut vor, um mühsam den Sinn des Wortes und des Satzes zu
entziffern. Frühe Manuskripte hatten oft keine Absätze oder Satzzei-
chen. Lesen war damals eine exklusive, mühselige Tätigkeit. Dann
wurde der Buchdruck erfunden, und Lesen hat sich in den folgenden
Jahrhunderten zu einer alltäglichen Kulturtechnik entwickelt.
Warum ist das Wort heute in Gefahr?
Aber auch heute ist der Prozeß der Lektüre oft ein anderer.
Statt eines Buches nutzen wir Screens, statt zu blättern, „wischen“
wir über einen Touchscreen, statt einer selbständigen gedanklichen
Kommentierung des Gelesenen sehen wir die Kommentare anderer
Nutzer. Auch hier können wir uns intensiv mit einem Text beschäfti-
gen – doch viel öfter „nutzen“ wir ihn nur oberflächlich: lesen die
Headline, scrollen hoch und runter, klicken schnell weiter. Die
jahrhundertealte Kulturtechnik Lesen hat sich verändert, ob zum
Guten oder zum Schlechten, sei dahingestellt.
Zweifellos wird heute mehr geschrieben und gelesen als
jemals zuvor. Trotzdem glauben wir, daß das Reflektieren über das
geschriebene und gesprochene Wort zunehmend in Gefahr gerät.
Die Oberflächlichkeit und die Schnelligkeit der digitalen Kommuni­
kation fördern nicht unbedingt das Nachdenken. Falschmeldungen,
Propaganda, Haßkommentare, schwache Argumente und aggres-
sive Meinungen werden mitunter durch die sogenannten sozialen
Medien gefördert. Denn die Präsentation in einem Newsfeed, in
dem Info-Schnipsel und gedankliches Fast Food im Sekundenrhyth-
mus am Leser vorbeiziehen, macht jede Art von Inhalt zunehmend
ununterscheidbar. Lüge und Wahrheit, Meinung und Fakten,
Werbung und Journalismus, private Nachrichten und professionelle
Berichte vermischen sich, kämpfen permanent um unsere Aufmerk-
samkeit. Mit diesen Strömen von ununterscheidbaren Informationen
müssen wir lernen umzugehen – so, wie in früheren Jahrhunderten
Menschen durch das Bücherlesen gelernt haben, fremde Gedanken-
gänge nachzuvollziehen, Kritik zu üben und die eigene Meinung in
den Dialog mit den Gedanken von Autoren treten zu lassen. Einige
Wissenschaftler glauben, daß diese Buch-Tugenden uns auch
helfen, die Informationsflut in der digitalen Welt besser zu verste-
hen. Und deshalb haben wir uns bewußt entschieden, ein Buch
herauszugeben – das Buch, das Sie jetzt in den Händen halten.
Warum Antiidiotikum?
Unsere Initiative Antiidiotikum hat sich zum Ziel gesetzt, das
geschriebene und gesprochene Wort zu fördern. Die Grundlage für
eine Kultur des kritischen Hinterfragens, des Nachdenkens und
Debattierens ist das Lesen. Nur wer liest, hat das Rüstzeug, sich mit
fremden Gedanken zu beschäftigen, andere Positionen zu verste-
hen, die eigenen Ansichten zu reflektieren und in Gesprächen
Stellung zu beziehen.
Der souveräne Umgang mit Worten und Argumenten ist in der
heutigen Zeit nicht immer selbstverständlich. Im Internet kursieren
„Fake News“ und Texte, von denen oft nur die Überschriften gelesen
werden – und nicht wenige verbreiten Vorurteile und Propaganda.
Wir wollen ein Angebot machen, das Menschen jeden Alters – aber
gerade auch junge Menschen – darin bestärkt, sich dem geschrie-
benen und gesprochenen Wort souverän, kritisch und spielerisch
zuzuwenden. Kernstück ist dabei der Almanach Antiidiotikum, der
Raum bietet, Gedanken zu entwickeln und nachzuvollziehen. Dabei
sind längere Texte wichtig, die aber auch mit anregenden Kurzformen
(Cartoons, Gedichten, Comics, Photostrecken) angereichert werden.
Dabei wollen wir uns von anderen journalistischen oder
unterhaltenden Angeboten durch folgende Punkte abgrenzen:
Der Almanach ist weder ein reines Satireblatt noch ein politisches
Journal. Er soll ein vielfältiges Spektrum an Themen, Meinungen
und Darstellungsformen beinhalten. Das Buch sieht sich dem klas-
sischen Ideal der Volksbildung verpflichtet und wird deshalb nicht
versuchen, an den Markt angepaßte Inhalte anzubieten. Das hat zur
Konsequenz, daß sich das Jahrbuch nicht alleine durch Vertriebs-
und Werbeerlöse finanzieren kann.
Dirk Engel
Freiberuflicher Dozent,
Fachautor, Markt-
und Mediaforscher.
Er studierte Publizistik,
Psychologie und
Soziologie an der
Johannes-Gutenberg-
Universität Mainz
Lothar Rudolf
Gelernter Schriftsetzer
und Grafiker, mehr als
35 Jahre als Kreativer
selbständig in eigener
Agentur. „Erfinder“
von Antiidiotikum und
Initiator der gleich­
namigen Initiative
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