Antiidiotikum Almanach 2017 - page 5

Antiidiotikum
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Editorial
Noch ganz dicht?
„Das, und nur das ist der Inhalt unserer Kultur: die Rapidität, mit der
uns die Dummheit in ihren Wirbel zieht“, schrieb Karl Kraus vor gut
hundert Jahren. Und: „Alles Leben in Staat und Gesellschaft beruht
auf der stillschweigenden Voraussetzung, daß der Mensch nicht
denkt.“
Ende vergangenen Jahres hieß es in einem Facebook-Posting
der Hamburger Studienbibliothek: „Das Jahr 2016 dürfte dereinst in
die Geschichtsbücher als Annus stupidus der bürgerlichen Demokra-
tie eingehen: Die Briten senken selbstbestimmt qua Brexit ihren
Lebensstandard, in der Türkei darf der gewählte Autokrat mit
Unterstützung der Bevölkerung das Land von Journalisten und
Oppositionellen säubern, auf den Philippinen gewinnt ein Gangster
die Wahl, der sich mit seinen Morden brüstet, in Kolumbien stimmt
die Mehrheit für die Weiterführung eines Bürgerkriegs, den weder
Regierung noch Guerilla weiterführen wollen, und quasi als Krönung
[…] wird in den USA ein frauenbegrapschender Reality-TV-Mussolini
zum Präsidenten gewählt.“
Und das Jahr 2017 schließt nahtlos daran an. Donald Trump,
ein lupenreiner Mobster, überflutet die Welt und die Medien mit
seinen handfesten Lügen (called „alternativen Fakten“) und seinem
paranoiden Twitter-Gequatsche und schickt sich an, die erbärm-
lichen Reste der US-amerikanischen Demokratie zu zertrümmern;
während die faschistische Clique rund um Erdogğ
an jeden, der sie
nicht anhimmelt, zum Terroristen und Nazi erklärt, in Geiselhaft
nimmt und ins Gefängnis wirft – was in einem an Fadheit und
gewollter Ödnis nicht mehr zu überbietenden Bundestagswahlkampf
gerade mal ein paar lustlose Bemerkungen nach sich zieht.
Das aber sind „nur“ Eskalationen in einer irregewordenen Welt,
in der ansonsten alles wie gewohnt Bestand hat und weitergeht (bis
der Wahn womöglich in einem Dritten Weltkrieg final eskaliert): das
Geschwätz über kreuzdümmliche Apps und das Gerenne nach
sogenannten Smartphones, mit denen sich von Bots generierte
Fake-News sammeln lassen; das organisierte Töten mit immer mehr
Waffen (aus vor allem westlichen Schmieden), sei es im arabischen
Raum oder anderswo; die – unterdessen pandemisch gewordene
– Zunahme der Gewalt in der Öffentlichkeit; die Auslöschung der
letzten Reste von Freiheit durch vom Bundestag quasi unbemerkt
verabschiedete Gesetze zur totalen Überwachung; die Ausbreitung
von Armut und Ausbeutung; die rassistische und religiöse Verblö-
dung und Verblendung; die seelenruhig hingenommene Explosion
der Weltbevölkerung; die katastrophal akzelerierte Vernichtung der
Natur und vieles mehr. Die vielbeschworene Wissensgesellschaft, in
der wir angeblich leben, ist die hohlste Form von Gesellschaft, die
sich denken läßt. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus
seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant)? Haha.
„Die Lage des Kritikers korrespondiert mit der Lage der Menschheit
vorzüglich. Beide sind hoffnungslos“, schreibt Hermann L. Gremliza.
Trotzdem ein Jahrbuch für Kultur und Gesellschaft, das dem langen
Essay, der Kritik, der Polemik und der Satire eine Stimme gibt?
Ja. Man hat, will man nicht gänzlich der Verzweiflung oder der
Resignation anheimfallen, keine andere Wahl, als der Analyse und
der Reflexion wieder mehr Raum zu geben – in einem, so hoffen
wir, anregenden, sorgfältig gestalteten Buch, das jedes Jahr zur
Frankfurter Buchmesse erscheinen wird, jeweils mit einem
Schwerpunkt, zum Auftakt mit dem Schwerpunkt Natur.
In diesem Sinne reichlich Freude und viel Verdruß bei der
Lektüre der ersten Ausgabe des Almanachs Antiidiotikum
wünscht: Jürgen Roth (Anfang September 2017)
PS: Die mehrmaligen sinnzerstörenden Reformen der deutschen
Rechtschreibung haben dazu geführt, daß es keine Rechtschreibung
mehr gibt und veröffentlichte Texte in der Regel unlesbar geworden
sind. Deshalb erscheint das Antiidiotikum in der orthographisch,
semantisch und grammatikalisch sinnigen (und übrigens nach wie
vor anerkannten) alten Rechtschreibung.
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