»Schwarmdummheit« [Manfred Spitzer]

Schwarmintelligenz gehört zu den vielstrapazierten und zugleich wenig verstandenen Wörtern der Gegenwart. Das klingt irgendwie interessant, „hip“ (wie man heute so sagt) und scheint sehr vieles zu erklären. Wann immer relativ einfache „Agenten“ (das können Organismen oder auch Roboter sein) mit einfachem Verhaltensrepertoire komplexe Verhaltensweisen ausführen beziehungsweise „intelligentes Verhalten“ an den Tag legen können, spricht man von Schwarmintelligenz. Jeder kennt die Bilder und Filme von Schwärmen von Ameisen, Bienen, Fischen oder Vögeln, die sich ohne eine erkennbare Führungsstruktur dennoch wie ein einziges Lebewesen verhalten. Solche Schwärme werden daher zuweilen auch als Superorganismus bezeichnet. Der Neuro- und Verhaltensbiologe Rüdiger Wehner (2001, S. 16) hat diesen Gedanken wie folgt auf den Punkt gebracht: „Die ‚Seele der weißen Ameise‘ sitzt nicht in der Königin. Sie ist dezentralisiert als kollektive Intelligenz über die Gesamtheit der Gruppenmitglieder verteilt.“

Durch entsprechende genaue Beobachtungen und vor allem auch durch Simulationen am Computer und sogar mit realen Robotern konnte man zeigen, daß wenige einfache Regeln genügen, um die Gemeinschaft als ganze in die Lage zu versetzen, komplexe Aufgaben zu lösen (Rozin & Margaliot 2007, Rubenstein et al. 2014). Solche Superorganismen wurden sogar bereits mit Gehirnen verglichen, die ja auch „nur“ aus Neuronen bestehen, welche für sich genommen lediglich sehr einfache Operationen ausführen (integrieren, vergleichen, feuern) und dennoch gemeinschaftlich hierdurch komplizierteste geistige Leistungen vollbringen, wie beispielsweise Jonglieren, Sprechen oder die Relativitätstheorie entdecken.

Betrachten wir das Beispiel einiger hunderttausend nahrungssuchender Bienen einmal genauer, um eine Vorstellung davon zu gewinnen, wie sinnvolles Gesamtverhalten ohne Gesamtübersicht zustande kommen kann. In einem Gebiet von einigen hundert Quadratkilometern wird kollektiv Nektar gesammelt, ohne „Einsatzleitung“ mit Karten, ohne Funkverkehr und vor allem ohne Gesamtübersicht zu den ständig wechselnden Blüten. Wie viele Bienen sollen wo und wie lange sammeln, und wie viele neue Sammlerinnen sollten sie zu den jeweils ergiebigsten Quellen rekrutieren?

Der bereits zitierte Verhaltensbiologe Wehner (2001 S. 16f) beschreibt die Auflösung dieser Fragen eindrucksvoll wie folgt: „Keine Biene besitzt den geographischen Überblick über die Verteilung der Futterquellen im kilometerweiten Gelände. Jede entscheidet lokal, indem sie mit einer internen Meßskala die Rentabilität der Futterquelle bemißt, auf die sie gerade gestoßen ist. Oberhalb eines Energieschwellenwertes wird die Quelle weiter besucht, unterhalb desselben verlassen. Noch höhere Zuckerkonzentrationen führen zum Rekrutieren von Zusatzsammlerinnen. Die Schwellen für die einzelnen Aktivitäten sind jedoch im Gehirn der Biene nicht auf feste Werte fixiert, sondern variieren mit dem Energiebedarf der Kolonie. Bei hohem Bedarf, also leeren Nektarspeichern, werden auch niedrige Zuckerkonzentrationen toleriert. Füllen sich dann die Speicher, vermindert sich also die Nachfrage, steigen die Schwellen, bis nur noch hochkonzentrierter Stoff eingetragen wird: ein höchst effizientes Beschaffungsprogramm, das auf selbstregulierende Weise funktioniert. Dabei ist keine Sammlerin über den Energiebedarf der Kolonie direkt orientiert. Sie entnimmt dieses globale Maß einer lokalen Meßgröße: der Wartezeit auf der Entladerampe. Dort übergeben nämlich die Sammelbienen den Stoff an solche Gruppenmitglieder, die als Speicherbienen fungieren. Die Interaktionen zwischen Sammel- und Speicherbienen koppeln den Sammelzyklus der Außenwelt an den Speicherzyklus der Innenwelt. […] Je voller die Speicher, desto länger müssen die Speicherbienen nach leeren Zellen suchen, desto mehr Zeit verstreicht bis zu ihrer Rückkehr in die Entladezone, desto länger müssen die aufgetankten Sammlerinnen auf ihre Entladung warten; und je länger sie warten müssen, desto weiter verschieben sie im Feld ihre Futterpräferenzkurven zu hohen Nektarwerten“. Soweit zur dezentralen Entscheidungsfindung bei Bienen. Jede kennt nur ihren beschränkten Horizont, und dennoch machen sie – im wörtlichen Großen und Ganzen, dem Schwarm eben – das Richtige. Ein, wie ich finde, sehr eindrucksvolles Beispiel von Schwarmintelligenz!

Auch manche Fischarten schwimmen zuweilen spontan im Kreise, wobei keiner im Schwarm die Gesamtübersicht hat, sondern jeder nur der Regel folgt, sich beständig zu bewegen und immer möglichst nahe bei einem anderen Fisch zu sein. Der Kreisverkehr entsteht dann von allein, weil er eine einfache Organisationsform der Gruppe darstellt, die diese Randbedingungen erfüllt. Mittlerweile wurde gezeigt, daß in dieser Hinsicht Menschen auch nur Fische sind, das heißt bei entsprechenden Instruktionen ebenfalls spontan beginnen, im Kreis zu laufen (Dambeck 2007).

Nicht immer jedoch klappt diese Kooperation der lokal kommunizierenden autonomen einzelnen Agenten mit beschränktem Horizont zur Erzeugung eines Optimums für alle im Großen. Denken wir nur an die unnötigen Staus auf Autobahnen bei hohem Verkehrsaufkommen: Irgendeiner nimmt Gas weg (vielleicht weil irgendein anderer vor ihm auf seine Spur wechselte), der Nachfolgende schaut gerade auf sein Navi oder Handy, bemerkt erst kurz vor dem Auffahren seinen geringen Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und muß heftig bremsen. Der nächste Nachfolgende bemerkt das wiederum mit einer kleinen Verzögerung und bremst noch heftiger. Und weil dann von hinten mehr Autos kommen, als vorne (wegen der langsameren Geschwindigkeit) weiterfahren können, entsteht aus dem Nichts ein Stau. Bestenfalls. Wenn auch nur einer nicht aufpaßt, gibt es einen Auffahrunfall mit n Fahrzeugen (wobei es dann Glückssache ist, wenn n einstellig bleibt). Gegen diese Form von dysfunktionalem Gruppenverhalten kommunizierender Kurzsichtiger – nennen wir sie Schwarmdummheit – helfen nur Weitsicht und Mitdenken, zwei derzeit leider nicht sehr hoch im Kurs stehende Tugenden.

Eine andere Form der kollektiven Intelligenz entdeckte Francis Galton, ein Neffe Charles Darwins, vor gut hundert Jahren. Er hatte sich eigentlich vorgenommen zu zeigen, wie dumm Menschenmassen sind (vgl. Spitzer 2006, dort auch weitere Quellen). Beim Besuch eines Jahrmarkts beobachtete er einen Wettbewerb, bei dem etwa achthundert Menschen das Gewicht eines Ochsen schätzen sollten. Sie gaben ihre Meinung auf einem Zettel zusammen mit ihrem Namen ab, und wessen Schätzung am nächsten am tatsächlichen Gewicht lag, der erhielt einen Preis.

Nachdem alles vorüber war, besorgte sich Galton alle abgegebenen Zettel und wertete sie statistisch aus. Er errechnete den Mittelwert aus allen 787 Schätzungen und fand zu seinem großen Erstaunen, daß der Mittelwert aller Schätzungen vom tatsächlichen Gewicht des Ochsen um nur 0,8% abwich! Obwohl also viele Leute weit danebenlagen, lag die Masse insgesamt praktisch genau richtig. „Es scheint, daß in diesem speziellen Fall die Stimme des Volkes die Wahrheit auf ein Prozent genau trifft“, kommentierte Galton im Fachblatt Nature (1907, S. 451) sein Ergebnis, nicht ohne dessen politische Relevanz hervorzuheben: „Das Ergebnis zeigt aus meiner Sicht die Glaubwürdigkeit demokratisch gefällter Urteile in stärkerem Ausmaß, als man erwartet hätte.“

Vor zehn Jahren machte der US-amerikanische Journalist James Surowiecki diesen Gedanken in seinem Weltbestseller Die Weisheit der Vielen (Original: The Wisdom of Crowds) international bekannt. Der Grundgedanke ist dabei ganz einfach und für jeden Nervenarzt unmittelbar einsichtig, denn mit kollektivem Wissen verhält es sich ähnlich wie mit einem ereigniskorrelierten Potential: Dies ist ein sehr schwaches, an der Oberfläche des Kopfes abgeleitetes, durch einen Reiz ausgelöstes elektrisches Signal, das im Rauschen (das heißt in der vielfältigen elektrischen Aktivität, die am Kopf ableitbar ist) untergeht, es sei denn, man addiert viele solcher Signale. Dann schält es sich immer besser aus dem Rauschen heraus. Nicht anders bei vielen Menschen, von denen jeder ein kleines bißchen weiß: Je mehr Meinungen man sammelt, desto eher entspricht der Mittelwert dieser Meinungen der Wahrheit.

Anzumerken ist an dieser Stelle, daß diese Weisheit der Vielen ein statistisches Phänomen darstellt und kein sozialpsychologisches. Im Gegenteil: Kommen sozialpsychologische Effekte ins Spiel, dann leidet darunter die Weisheit der Sozietät! Das konnte in einer großen experimentell angelegten Studie zu Bewertungen von Individuen nachgewiesen werden, die entweder mit oder ohne Kommunikationsmöglichkeit untereinander agierten. Im ersten Fall kam es zu gegenseitiger Beeinflussung, welche die Qualität der Urteile verminderte (Salganik et al. 2006; Zusammenfassung in Spitzer 2006).

Ein höherer Grad an Vernetzung führt also nicht, wie man zunächst meinen könnte – und schon gar nicht zwangsläufig! –, zu intelligenterem Verhalten, sondern hat im Gegenteil eine geringere Performanz des Gesamtsystems zur Folge. Letztlich ist es ähnlich wie bei den Finanzmärkten: Auch der Handel in Millisekunden führt keineswegs zu mehr Stabilität, sondern destabilisiert das Gesamtsystem, indem er Zufallsschwankungen verstärkt. Positives Feedback („je mehr, desto mehr“ – man stelle sich einmal eine Heizung vor, die nach diesem Prinzip funktioniert!) muß zum Aufschaukeln von Zufällen und letztlich zur Katastrophe führen – das zumindest sagen die seit mehr als einem halben Jahrhundert bekannten Gesetze der Kybernetik.

Mit dieser etwas aufgeklärteren Sicht auf die Schwarmintelligenz wird deutlich, daß das gegenwärtige Interesse an ihr weniger auf Verständnis, sondern eher auf Unverständnis und subjektiver Anmutungsqualität – das heißt auf Hype – beruht. Dieser wird oft genährt durch die Behauptung, die heutigen digitalen Kommunikationsmedien würden uns dank ihrer bloßen Existenz zu intelligenteren Wesen machen. Bei genauerem Hinsehen spricht jedoch kaum etwas für diese Behauptung, und vieles spricht dagegen, wofür es seit Jahren zunehmende und eindeutige Belege gibt (Spitzer 2012). Das aber bedeutet: Die weitreichende Vernetzung vieler einzelner kann auch zu einer Verringerung der Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems führen. Und da es hier um geistige Leistungen geht, kann man hierfür den Terminus technicus Schwarmdummheit verwenden.

Gerade die Einsicht, daß die Mittelwertschätzung bei kommunizierenden Subjekten die Wahrheit mit geringerer Wahrscheinlichkeit trifft, verdient im Hinblick auf ihre Konsequenz für die Politik besondere Beachtung. Demokratien sind ja bekanntlich immer in Gefahr, von einem populistischen Verführer manipuliert und mißbraucht zu werden. Mit steigender Geschwindigkeit der Kommunikation steigt auch diese Gefahr.

Betrachten wir zunächst ein eher harmloses Beispiel aus der Ökonomie: Bricht auf den Philippinen ein Vulkan oder eine Seuche aus, fällt der Aktienkurs der Lufthansa. Nicht etwa, weil diese falsch wirtschaftet, sondern weil die beiden erwähnten Katastrophen den Wunsch mancher, in die Ferne zu reisen, mindern, und dies wiederum weiß jeder: Mit der Angst der Menschen kann man immer rechnen! Und weil dies wiederum jeder Investor weiß, wird er Aktien der Lufthansa verkaufen, und weil dies wiederum jeder weiß, wird es jeder tun, weswegen dann der Aktienkurs fällt und jeder Geld verliert, der mitmacht. Einige wenige angstfreie Schlaue machen sich das zunutze und verdienen Geld. Aber noch einmal: 1) Dies alles hat mit der Qualität der Lufthansa nichts zu tun. 2) Das Ganze geschieht gerade auf Grund der guten Vernetzung der Teilnehmer und der Geschwindigkeit des Informationsflusses. Wäre der langsamer, gäbe es kein Problem mit den Lufthansa-Aktien.
Weniger harmlos ist das Beispiel der jüngsten Geschichte der Ukraine: In Rußland wird überall und permanent verbreitet, daß der Westen das Land destabilisiert, den Präsidenten vertrieben und die russische Minderheit unterdrückt hat. Das geht so weit, daß man im offiziellen russischen Fernsehen behauptet hat, der tragische Tod des Chefs des französischen Ölkonzerns – eines Freundes von Rußland – könne nicht durch einen betrunkenen Schneepflugfahrer oder einen unaufmerksamen Fluglotsen, sondern nur durch den US-amerikanischen Geheimdienst herbeigeführt worden sein. Und weil jede Nachricht sofort weitergeleitet, vervielfältigt, gedankenlos kommentiert und wieder weitergeleitet und vervielfältigt wird, entstehen in unterschiedlichen Gruppen oder Staaten völlig verschiedene Bilder der Realität. Es ist dann nicht mehr so, daß man sich über die Bewertung der Realität, die alle kennen und die nun einmal so ist, wie sie ist, streitet, sondern über die Realität selber.

Je mehr gebloggt, getwittert, geliked und gesimst wird, oft innerhalb von Sekunden, desto instabiler wird die Lage. Der Versuch, auf diese Weise Demokratie zu praktizieren, muß scheitern (und die Piraten haben uns vorgelebt, wie das geht). Demokratie braucht Tiefpaßfilter, das heißt gewählte Abgeordnete, die Zeit zum Nachdenken haben und sich diese auch nehmen. Nur so wird verhindert, daß sich (schlimmstenfalls anonym vorgebrachte) dumme Gedanken sehr rasch ausbreiten (weil sie irgendein Bedürfnis befriedigen oder irgendwie gut klingen) und eine Mehrheit finden, ohne daß deren Konsequenzen bedacht worden wären. Das System – unsere Demokratie – wäre sehr bald an die Wand gefahren.

Machen wir uns nichts vor: Beim Bloggen, Twittern, Liken und Simsen bleibt in aller Regel eines auf der Strecke: das Nachdenken. Man muß dabei gar nicht die „dümmsten Tweets der Welt“ bemühen, aber ein Blick darauf macht das Ausmaß der Katastrophe Schwarmdummheit deutlich: „Wenn China den USA zehn Stunden in der Zeit voraus ist, warum haben sie uns dann nicht vor den Anschlägen des 11. September gewarnt?“ – Hier hilft keine Zeitmanagementkompetenz und kein BA in Eventmanagement, sondern nur die gute alte – und leider völlig zu Unrecht in Verruf gekommene – Allgemeinbildung aus den Klassen 1 bis 9. Auf Allgemeinwissen kann man eben nicht verzichten, und schon gar nicht kann man es etwa durch Google ersetzen. Man braucht es vielmehr, um mit Google überhaupt etwas anfangen zu können.

Mir selbst genügt ein Blick in die Inbox meiner elektronischen Post: „Lieber Herr Spitzer, ich schreibe gerade ein Referat / eine vorwissenschaftliche Arbeit  / eine Bachelor-Arbeit / einen Artikel zum Thema xxx: Dürfte ich Sie bitte dazu einmal anrufen, ich hätte da nämlich einige Fragen.“ – „Nein“, muß ich dann immer antworten, denn erstens hinge ich sonst den ganzen Tag am Telephon, und zweitens ist es ja gerade die Aufgabe des Schülers, Studenten oder Journalisten, sich selbst ein Bild zu machen.

Nicht selten werden auch gleich Fragen formuliert und Antworten erbeten, worauf ich ebenfalls stets mit dem gleichen Text per „copy und paste“ – das geht am schnellsten – reagiere: „Was ich dazu weiß, habe ich publiziert. Es ist heute leichter denn je, dies zu finden; und lesen müssen Sie schon selbst.“
Besonders dreist sind manche Journalisten, die so tun, als wären sie schon mit der Arbeit fertig („Ich habe den Artikel schon zu 90% geschrieben“), und „nur noch ein paar Kleinigkeiten bzw. spezielle Fragen“ besprechen möchten. Zu diesen zählt dann: „Wie funktioniert das Gehirn eigentlich?“ Oder: „Was passiert eigentlich beim Denken im Gehirn?“ Auch für diese Fälle habe ich einen vorformulierten Text:

„Sehr geehrte Journalistin,
ich habe gerade einen Artikel über Kubismus fast fertig und möchte nur noch einige Kleinigkeiten mit Ihnen rasch klären. Sagen Sie mal: Was ist eigentlich ein Würfel? Und dann gab es da noch einen, wie hieß der noch mal: Picasso oder so ähnlich? – Was hat der eigentlich damit zu tun?“

Auf diese Antwortmail wird selten reagiert – und wenn, dann mit wüsten Beschimpfungen und Gemoser über die Arroganz der Wissenschaftler im allgemeinen und des Herrn Spitzer im besonderen.
Wie gesagt, wenn das nicht so häufig vorkäme, würde ich mich auch nicht so verhalten oder gar an dieser Stelle darüber schreiben. Aber es kommt leider sehr häufig vor! Und ernsthaften Journalisten sei gesagt, daß ich trotz dieser Erfahrungen für jemanden, der sich wirklich Gedanken machen will, nach wie vor gerne als Auskunftei für Fragen nach Geist, Gehirn, Gott und der Welt und allem, was damit noch so entferntest zu tun haben könnte (das beschreibt den Bereich der an mich gerichteten Fragen ziemlich genau), dienlich bin.

Vielleicht sprechen derzeit ja auch nur deswegen so viele so oft von Schwarmintelligenz, weil sie damit die allseits zu beobachtende Schwarmdummheit gleichsam hinwegreden möchten. Es entspricht leider dem Zeitgeist, daß man nicht mehr selbst denkt, sondern denken läßt, das heißt jemanden fragt. Das Ganze hat durchaus auch in respektablen Institutionen Methode, hat doch das deutsche Wissenschaftsministerium von allen Ministerien am meisten Geld – jährlich etwa eine halbe Milliarde – dafür ausgegeben, sich beraten zu lassen. Selbst zu denken kam für die Ministerialbeamten offenbar nicht in Betracht. Statt dessen kauft man sich Rat zur Bewertung von Wissenschaft bei einer kleinen Gruppe von „Experten“ ein, was letztlich nur dazu führt, daß die sich die Mittel gegenseitig zuschieben. Mit Intelligenz – von Schwärmen oder Individuen – hat dies nichts zu tun.

Manfred Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, darunter Digitale Demenz und Cyberkrank!

Literatur:
Dambeck H. (2007): „Menschen sind auch nur Fische“, Spiegel Online 12.3.2007 (accessed am 19.6.2014)
Galton F. (1907): „Vox populi“, Nature 75: 450–451
Rubenstein M., Cornejo A., Nagpal R. (2014): „Programmable self-assembly in a thousand-robot swarm“, Science 345: 795–799
Rozin V., Margaliot M. (2007): „The Fuzzy Ant“, IEEE Computational Intelligence Magazine (http://www.eng.tau.ac.il/~michaelm/ant2.pdf)
Salganik MJ., Dodds PS., Watts DJ. (2006): „Experimental study of inequality and unpredictability in an artificial cultural market“, Science 311: 854–856
Spitzer M. (2004): „Märkte für Informationen: Populationsvektoren und Politik, kollektives Wissen und virtuelles Geld“, Nervenheilkunde 23: 68–72
Spitzer M. (2006): „Kultur auf dem Markt“, Nervenheilkunde 25: 477–479
Surowiecki J. (2004): „The wisdom of crowds: Why the many are smarter than the few and how collective wisdom shapes business, economies, societies and nations“, Little Brown
Wehner R. (2001): „Miniaturgehirne und kollektive Intelligenz“ (http://www.unipublic.unizh.ch/campus/uninews/2001/0183/Dies2001-Wehner.pdf)

[1] Alle Mails mit dem Wunsch nach Hilfe bei einer „vorwissenschaftlichen Arbeit“ kommen aus Österreich. Wie ich mittlerweile in Erfahrung bringen konnte, müssen Schüler dort eine solche anfertigen. Weil sich alle Verantwortlichen im klaren darüber sind, daß Schüler keine Wissenschaft betreiben können, ist die Arbeit „vorwissenschaftlich“. Früher sagte man „Erörterung“ dazu, und das war auch in Ordnung so, zumal es darauf ankam, diese selbst zu denken und zu schreiben und nicht jemanden zu bitten, dies für einen zu tun. Gerade den österreichischen Bildungsverantwortlichen sollte klar sein, daß man das Bergsteigen ja auch nicht dadurch lernt, daß einen jemand auf den Gipfel trägt. Ebensowenig lernt man selbsttätiges Nachdenken dadurch, daß man jemanden fragt.

[1] Nach meiner privaten, unpublizierten und unpublizierbaren Statistik waren die Absender der hier diskutierten besonders dreisten Anfragen ausnahmslos weiblich.

 

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