»Die Dummheit als Fußball« [Stefan Erhardt]

We’re born to fly / So let’s keep living till it all falls down / Let’s close our eyes / And let the moment drown the whole world out // We’re in this together / Hear our hearts beat together! / We stand strong together / We’re in this forever!
David Guetta: „This One’s For You“

Die Dummheit ist ein Verein. Die Dummheit ist ein Fußballverein. Die Dummheit ist ein Fußballverein, der sich im Lauf seines Daseins in ein Kapitalunternehmen mit Aufsichtsräten und Termingeldern verwandelt hat, dem Millionen von Gläubigen mit festgefügter Ideologie, festgelegten Ritualen, festgefahrenen Anschauungen blindlings folgen, bis daß der Tod sie von ihm scheide.
Die Dummheit erscheint bei den Gläubigen als Blindwütigkeit, Intoleranz, Unbelehrbarkeit, Gewaltbereitschaft, Selbstverleugnung, Götzendienst, in einem Wort: als Fanatismus. Zunehmend greift er auf den nichtgläubigen Teil der Gesellschaft über und verwüstet – ebenso konkret wie übertragen – zivilisatorische Errungenschaften wie Gelassenheit, Toleranz, Lernfähigkeit, Friedfertigkeit, Introspektion.

Die Rede ist hier nicht vom Fußballspiel, von einem der raffiniertesten, facettenreichsten und körperlich wie ästhetisch faszinierendsten Sportspiele. Die Rede ist vom Fußball in seiner profitmaximierenden Form, wie sie sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten über Europa und den Rest der Welt ausgebreitet hat. Ziel: den Globus mit einem Netz von Profitvereinen zu überziehen und durch noch stärkere Kundenbindung eine Abhängigkeit zu schaffen, aus der die Konsumenten sich nicht mehr befreien können.

Der Totale Fußball ist ein Virus

Abhängigkeit schaffen die Profitunternehmer mit dem Virus Totaler Fußball. Er beherrscht mittlerweile durch permanente Wettbewerbe – Ligabetrieb, kontinentale und interkontinentale Turniere der nationalen Auswahlen, Pokal-, Freundschafts-, Benefiz-, Test-, Ablösespiele et cetera – quasi blindlings den Alltag, sprich die verfügbare und gelebte Zeit. Eine Abkehr von dieser Permanenz scheint utopisch im Sinne von nicht mehr vorstellbar.

So pilgern an einem gewöhnlichen Mittwoch nach dem Ende eines EM-Turniers zu einem wettbewerbstechnisch völlig unbedeutenden Spiel zwischen der B-Mannschaft von Bayern München und der D-Mannschaft von Manchester City fünfzig-, sechzigtausend Abhängige und legen den Feierabendverkehr lahm. Ein allenfalls für die Physiotherapeuten und Trainer der Teams interessantes „Blitzturnier“ in Duisburg mitten im Sommer wird live von Eurosport übertragen. Testspiele in Trainingslagern gibt es zur sogenannten besten Sendezeit nicht nur auf Sportkanälen. Bald wird alles übertragen – der geheimnisvolle Laktattest, das Anpassen eines Fußballschuhs für den Spieler XY, im Netz liefern Webcams Bilder aus Eistonnen und Entmüdungsbecken. Das Fußballvirus hebelt die vernunftbegabte Immunabwehr aus, paßt in die Schnittstellen von Ich und Unter-Ich und überträgt sich komplett. Die Frage „Wollt ihr den totalen Fußball?“ muß gar nicht mehr gestellt werden. Das „JA!“ aus Abermillionen von Kehlen brüllt sich von selbst.

Dazu trägt bei, daß das Vergnügen des Zusehens stetig überhöht wurde. Was zu Beginn des organisierten Fußballs – der sich deshalb einer Organisation unterstellte, um, gar nicht dumm, die Freude am spielerischen Kräftemessen zu befördern – noch eine Sache für Insider, also für wenige war, hat sich mittels Vergrößerung der Stadien zu Arenen, Überflutung elektronischer Kanäle sowie einer Gesamtvereinnahmung fast aller sonstigen gesellschaftlichen Kernbereiche – Politik, Religion, Wirtschaft – zu einer beängstigend übergriffigen Macht entwickelt. Nein, nicht „sich“ – denn dahinter stecken klug kalkulierende Köpfe. Dahinter stecken Profitprofis, die Kommanditgesellschaften auf Aktien wie auf Speed zu Markte tragen und die blindwütige Gefolgschaft der Anhänger eiskalt ausnutzen.

Marketing, Marketing über alles

Das „Premiumprodukt Fußball“ (Christian Seifert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga, Mitglied des Ligavorstands, Vizepräsident des DFB, stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrates der Bundesliga-Stiftung und Sprecher der Initiative Profisport Deutschland – man beachte die Ämterhäufung) muß nach dem Willen seiner Dealer daher auch stets neue Marktsegmente an- und abgreifen. Wer schon in die Marketingfalle getappt ist und Bettwäsche, Toaster und Regenschirm in Vereinsfarben für überteuert Geld gekauft hat, obwohl sonst auf jede winzige Preiserhöhung bei Autobenzin hochentrüstet reagierend, dem geht der Totale Fußball weiter an die Börse.

Längst beschränkt sich Profitfußballmarketing nicht mehr nur auf Devotionalien. Da wird in globalen Dimensionen gedacht. Ein Beispiel von tausenden: Der Verein FC Bayern schließt einen Kooperationsvertrag mit dem Hamad International Airport Doha; der zehnte „Platinpartner“. Dazu der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG: „Ich freue mich, mit Doha Airport einen Sponsor aus der Tourismusbranche begrüßen zu dürfen. Diese Partnerschaft ist ein weiterer Schritt in unserer Internationalisierungsstrategie.“

Die Profitlogik, die dahintersteckt, lautet: „Der […] Internationale Flughafen Doha ist mit einer Abfertigungskapazität von 8.700 Passagieren in der Stunde und einer Jahrespassagierkapazität von 30 Millionen Passagieren eines der größten Drehkreuze in der Golfregion.“ Achttausendsiebenhundert Passagiere in einer Stunde – das sind achttausendsiebenhundert potentielle Trikotkäufer.
Längst wird jedes erdenkliche Marktsegment genutzt, werden alle erdenklichen Vertriebsfelder und Gewinnzonen erschlossen. Im Busineß-Profit-Sprech hört sich das so an: „Die Marketing-Hauptaktivitäten liegen noch immer in den lukrativen Bereichen Trikot, Logen oder Bandenwerbung. Dabei bietet digitales Sponsoring viel Spielraum, um ungewöhnliche und innovative Features für Fans oder Erweiterungen der Vereinsplattformen zu realisieren. So ist beispielsweise die multimediale Inszenierung von Statistiken, Online-Games, Kneipen-Findern oder unterschiedlichen Social-Media-Konzepten denkbar. […] Die digitalen Plattformen generieren viel Traffic und bieten einen einzigartigen gemeinsamen Nenner der Zielgruppe: Fußball und eine große Leidenschaft für den entsprechenden Verein.“

So preist eine Firma namens branding ihre digitalen Dienste an und verspricht den Clubs, „mit einer durchdachten Planung und Erfolgskontrolle“ den „Anschluß an die digitale Transformation“ zu halten und den „Weg von der Informations- zur Serviceplattform“ zu ebnen; eine Firma, die eigenen Angaben zufolge „namhafte Unternehmen aus den Branchen Fashion, Fußball, Handel, Healthcare, Industrie, Versicherung und Finanzen“ im Portfolio stehen hat und denen und letztlich den Fans viel Geld abknöpft; denn die sind es ja, die löhnen müssen für „Beratung, Kreation und technische Realisierung bis hin zum Controlling und der steten Weiterentwicklung der Online-Kommunikation“. Ob sie nun eine inszenierte Statistik wollen oder nicht.

Was Wunder, daß Vereine wie der 1. FC Köln und Schalke 04 nur mehr als bloße Geschäftskunden neben Ferrero, C&A, Porta Möbel, Vivantes, GALERIA Kaufhof oder der McFIT-Gruppe stehen. Freude am Spiel war gestern; heute ist Geschäft.

Das Event herrscht

„Das mit Abstand am stärksten nachgefragte und teuerste Event 2015 auf dem Ticket-Zweitmarkt war das Champions-League-Finale zwischen dem FC Barcelona und Juventus Turin. Mit einem Spitzenpreis von 11.238 Euro und einem Durchschnittspreis von 2.460 Euro pro Ticket liegt es unangefochten an der Spitze.“ So tönt es spitz aus einem Finanzmagazin. Es scheint also tatsächlich Menschen – Fans – zu geben, die – mal so eben? – zwei Tausender für ein Fußballspiel ausgeben können, Nebenkosten nicht eingerechnet. Wegen der Faszination, die ein solches Finale möglicherweise bietet? Um dabeigewesen zu sein? Weil sie nun mal Fans sind? Wie leicht wird heutzutage Geld verdient, wenn ein Fan in Deutschland schon für die Spieltage einer Saison durchschnittlich 2.265 Euro ausgibt?

Kein Wunder, wenn Profitprofis wie Karl-Heinz Rummenigge alle naslang eine eigenständige Champions League anmahnen. Sie wird kommen – das erzwingt die Logik des Marktes. Mehr Spiele – mehr Events. Mehr Fußballevents – weniger Zeit für andere Events. Oder zum Nachdenken. Etwa darüber, wie die Spieler die größeren Belastungen bewältigen. Das Enthüllungsbuch Schuß – Die geheime Dopinggeschichte des Fußballs des renommierten Journalisten Thomas Kistner ist in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen worden; vom Fan schon überhaupt nicht. Es würde ja auch an der eigenen Position zum Profitfußball allzu stark rütteln.

Bei aller „Eventisierung“ tritt das Spiel an sich in den Hintergrund. Die wichtigsten Fußballmeldungen kommen inzwischen zweimal im Jahr von einem Internetportal, das sich transfermarkt.de nennt, eine Ausgeburt des Springer-Konzerns ist und den Marktwert von Profifußballern mißt. Wie die Hyänen fallen die sogenannten Sportjournalisten über die Wasserstandsmeldungen her, rühren eine Wichtigkeitsprosa an, wie sie schlimmer nur von der Börsenjournaille angerichtet wird, und heben oder senken Daumen – mittlerweile ein eigenes Subsegment der Fußballunterhaltung. Mit dem Spiel hat das nur am Rande zu tun.

Meine Zeit ist keine Zeit

Zum Überdenken des Ganzen bleibt dem Fan angesichts all dieser Events und Produktoffensiven sowieso keine Zeit mehr. Es vergeht kein Tag ohne Fußball – Spiele, Shows, Social Media jahrein, jahraus. Dazwischen wollen Computerspiele bedient, abonnierte Serien und Channels verfolgt, Chats und der E-Mail-Verkehr nicht aus den Augen verloren, Facebookseiten bestückt und das Internet besurft werden; werden Essen, Kleidung, Kosmetik, Möbel und sonstige Lebensaccessoires im Netz bestellt, und die Hälfte davon wird wieder zurückgeschickt.

Und wer arbeitet noch ernsthaft? Wer macht noch Politik? Wer kümmert sich um das Gemeinwohl? Wer kümmert sich um Partnerschaften? Um das seelische Gleichgewicht? Um Kinder? Die Welt? Die Zukunft?

Der französische Philosoph Robert Redeker bilanzierte vor Monaten: „Zwei Jahrhunderte nach Erfindung des Sports ist die Bilanz schwindelerregend: Unüberschaubare Publikumsmengen füllen die Stadien oder drängen sich an den Straßenrand bei der Durchfahrt der Radrennen. Um ein Vielfaches größer noch ist die Zahl der Fernsehzuschauer, die am Bildschirm die Übertragung von Sportveranstaltungen verfolgen. Diese maßlose Leidenschaft für den Sport ist weltweit geworden.“ (taz, 17. Januar 2016) Und umgekehrt: Diese weltweite Leidenschaft ist maßlos geworden, auch und gerade im Fußball.

Kein Ende in Sicht

Nun könnte man entgegnen: Das kann man doch alles ignorieren! Man muß sich doch nicht dem Fußballgeschäft unterwerfen! Man muß nicht – aber die Droge wirkt. Und sie blockiert politisches Bewußtsein. Statt dessen regieren den Fan die neuen Marktstrategen. Er kann nicht anders, denn nicht er hat sich den Verein, sondern der Verein hat sich ihn ausgesucht. Diese Gehirnschnecke, die sich wie in Futurama an den Kopf setzt und jeglichen vernünftigen Gedanken frißt, befällt auch die klügsten Köpfe immerzu aufs neue. Die Schnecken setzen die Fußballdealer.

Es scheint kein Ende in Sicht. Nach wie vor zweigen Scheichs und Bauunternehmer aus ihren Geldspeichern Unsummen ab. Dem gemeinen Fan und dem Eventfan scheint für ihre Droge kein Preis zu hoch. Solange unverbrüchliche Husarentreue zu einem Verein quasi zum Kadavergehorsam mutiert, nimmt der Fan alles in Kauf.

Muß eine Fußballweltwirtschaftskrise her, in der die Fußballmärkte zusammenbrechen, weil sich die Rummenigges dieser Fußballwelt verspekuliert haben, weil nur noch die immer gleichen Fußballprofitunternehmen den Weltfußballmarkt dominieren und der gemeine Fan sich dem Amateurverein, der Eventfan sich dem (hier eine andere Sportart einsetzen) zugewandt hat?
Das wäre der Moment, in dem der vermeintliche Höhenflug im Crash endete und der Fußball platzte wie eine Immobilienblase. Diesem Traum steht allerdings die waltende Dummheit der Anhänger im Weg. Das Dumme ist: Wir hängen alle mit drin.

Stefan Erhardt ist Lehrer und Redakteur von Der tödliche Paß – Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels.

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