Vorwort
NOCH GANZ DICHT?

„Das, und nur das ist der Inhalt unserer Kultur: die Rapidität, mit der uns die Dummheit in ihren Wirbel zieht“, schrieb Karl Kraus vor gut hundert Jahren. Und: „Alles Leben in Staat und Gesellschaft beruht auf der stillschweigenden Voraussetzung, daß der Mensch nicht denkt.“

Somit erklären sich die Trumps, Merkels, Erdoĝğans, das bekloppte Geschwätz über kreuzdümmliche Apps und das Gerenne nach sogenannten Smartphones, der organisierte Tötungswahn, die Auslöschung der letzten Reste von Freiheit, der Zulauf zu Nationalisten und Faschisten hie wie da, elend ums Leben kommende Flüchtlinge, die rassistische und religiöse Verblödung und Verblendung, die seelenruhig hingenommene Explosion der Weltbevölkerung, die katastrophal akzelerierte Auszehrung und Vernichtung der Natur und vieles mehr ganz von alleine. Die vielbeschworene Wissensgesellschaft, in der wir angeblich leben, ist, unterm Diktat des globalen und totalen Kapitalverhältnisses, die hohlste Form von Gesellschaft, die sich denken läßt. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant)? Da lachen die Macker und die Racker, die Hühner und die Hähne.

Angesichts der staatlichen Verbrechen in der Türkei, die die deutsche Regierung weglächelt wie einen mißratenen Witz, fragte sich im Juli ein Leser im Forum von Spiegel Online: „Geht es noch verrückter?“ Ein anderer kommentierte: „Wenn davon nicht so viel unschuldiges Leben abhängen würde, würde ich glatt beginnen zu glauben, der Planet hat sein zweites Idiotenjahrhundert ausgerufen, damit der Mensch wieder mal Zeit hat, sich und seine Anzahl ein wenig selbst zu reduzieren.“ Und wieder ein anderer schlug vor: „Da uns die UN ja mit allen möglichen ‚Tagen für …‘ erfreut, könnte man wenigstens auch einen Tag der Idioten ausrufen.“

Die, die Idioten, würden’s vermutlich begrüßen, ja bejubeln. Denn eines gilt unverbrüchlich: „Die verheerende Resistenz oder Allergie des Volkes gegen (ohnehin rare) Antiidiotika wird sonderlich durch unmäßigen Mediengenuß verursacht“ (Thomas Kapielski), Tag für Tag.

„Die Lage des Kritikers korrespondiert mit der Lage der Menschheit vorzüglich. Beide sind hoffnungslos“, schreibt Hermann L. Gremliza in seinem jüngst erschienenen Buch Haupt- und Nebensätze. Trotzdem ein neues Magazin für Kultur und Gesellschaft, das der Kritik, der Polemik und der Satire eine Stimme gibt?

Vor einem Jahr notierte Serge Halimi, Herausgeber von Le Monde diplomatique: „In einem ideologisch aufgeladenen Klima ist eine unabhängige Zeitung alles andere als überflüssig. Sie wendet sich an Leser, die Abstand nehmen wollen, die genug davon haben, ständig mit wertlosen Informationen oder Emotionen bombardiert zu werden, die ebenso schnell konsumiert wie vergessen sind. Sie ermutigt dort zum Widerstand, wo andere ihn unterdrücken wollen.“

In diesem Sinne reichlich Freude und viel Verdruß beim Lesen wünscht: Jürgen Roth

Wir danken dem großen Zeichner und Dichter F. W. Bernstein für das Titelbild. – Die nächsten Ausgaben von Antiidiotikum planen wir mit Schwerpunkten über Bildung, Sport, Geld, Natur und Religion. Ins Auge gefaßt haben wir mindestens zwei Hefte pro Jahr.